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Digitalisierte Pflege: Ein Tag im Pflegeheim der Zukunft



In der Pflege sind digitale Lösungen und neue Technologien bisher kaum verbreitet. Wie könnten technische Innovationen den Alltag in der betreuten Pflege verbessern? Eine Reise durch einen Tag im Pflegeheim der Zukunft.

Seniorenheim © iStock
Die Tür zu Zimmer 1.13 öffnet sich mit einem leisen Surren, Eva fährt herein: „Guten Tag Herr Wagner hier ist Ihr Glas Orangensaft“, spricht sie und überreicht das Getränk. Herr Wagner ist 91 Jahre alt und wohnt im Altenheim „Zu unseren lieben Frau“. Er sitzt im Rollstuhl und leidet an der chronischen Lungenkrankheit COPD.

Serviceroboter für Senioren © Fraunhofer IPAServiceroboter können unter anderem Dinge transportieren, an Termine erinnern oder Stürze melden.Eva ist ein Serviceroboter. Nach Aufforderung holt und liefert sie im Heim Getränke und Snacks, erkennt die Bewohner am Gesicht und merkt sich, wie viel jeder trinkt. Andere Robotermodelle transportieren Wäsche oder Pflegeutensilien. Oder sie tuckern nachts durch das Heim. Wenn sie dann in den Gängen etwas Ungewöhnliches bemerken, informieren sie das Personal. Entwickelt werden solche Serviceroboter beispielsweise vom Fraunhofer-Institut für Produktionstechnik und Automatisierung.Bevor Eva ins Zimmer kam, hat Herr Wagner den grünen Serviceknopf neben seinem Bett gedrückt. Daraufhin piepte das Smartphone von Frau Schulz und die Pflegerin hat sich direkt in das Zimmer von Herrn Wagner geschalten. Über die Freisprecheinrichtung haben sie miteinander gesprochen:

„Herr Wagner, Sie haben geklingelt. Brauchen Sie etwas?“
„Hallo Frau Schulz, ich hätte gern ein Glas Orangensaft.“
„Kein Problem, ich lasse es Ihnen bringen. Wir sehen uns gleich zur Sprechstunde mit Frau Dr. Schönwirth.“

Autonom und länger zu Hause leben
Freisprecheinrichtungen, automatische Herdabschaltungen oder intelligente Türklinken, die erkennen und melden, wenn eine Person nicht zurückkehrt, werden unter dem Begriff Ambient Assisted Living zusammengefasst. Die digitalen Assistenzsysteme können gesundheitlich eingeschränkten Menschen den Alltag, im Heim oder zu Hause, erleichtern und Pflegende entlasten. Sie melden Notfälle wie Stürze, informieren über nächtliche Wanderungen, erinnern an Termine oder die Medikamenteneinnahme. Die Systeme vermitteln also auch Sicherheit – Senioren können so länger zu Hause wohnen bleiben.

Vom Heim direkt in die Praxis: Wenn Vitaldaten sicher reisen

14 Uhr: Frau Schulz und Herr Wagner sitzen am Fenster und sprechen mit der Lungenfachärztin Dr. Schönwirth. Die Ärztin ist nicht im Raum, sondern per Tablet zugeschaltet. Sie besprechen Herrn Wagners aktuelle Lungenwerte. Die benötigten Vitaldaten erheben die Pflegekräfte jeden Tag und übermitteln sie sofort direkt in die Praxis von Dr. Schönwirth. Früher musste Herr Wagner dafür in die 28 Kilometer entfernte Facharztpraxis gefahren werden, heute lassen sich die Routinesprechstunden und die Erhebung der Vitaldaten bequem im Heim erledigen. Zudem: Frau Dr. Schönwirth musste früher selbst regelmäßig ins Heim kommen, zusätzlich zu ihrem proppenvollem Terminkalender.

Mit Telecare die Pflege erleichtern
Telecare heißt das System mit dem Pflegebedürftige, Pflegende und Ärzte über große Distanzen hinweg kommunizieren und Vitaldaten austauschen – im Heim oder bei Hausbesuchen. Benötigt werden dafür eine Internetverbindung und ein Endgerät mit Kamera und Mikrophon auf beiden Seiten.

Ein Beispiel dafür ist die Telepflege: Speziell geschulte Pflegende erheben hier auf ihren Hausbesuchen mithilfe von telemedizinischen Geräten die Vitaldaten, die dann sofort und sicher in die Hausarztpraxis übermittelt werden. Damit können die Pflegekräfte auch ärztliche Aufgaben übernehmen. Zum Beispiel: EKGs aufzeichnen, Blut abnehmen oder Wunden versorgen.

Die Vorteile von Telecare: Fahrtwege und -kosten können eingespart und die Ärzte entlastet werden. Außerdem kann so der Gesundheitszustand der Patienten besser im Auge behalten und so Komplikationen und Krankenhauseinweisungen vorgebeugt werden.


Mehr zum Thema Telemedizin lesen Sie hier.

Unterhaltung auf Rädern

Kaffee- und Kuchenzeit: Herr Wagner sitzt mit einigen Heimbewohnern und Pflegenden im Gemeinschaftsraum, um sie herum wuselt Bernie. 1,60 Zentimeter groß, 27 Kilogramm schwer, weiß mit großen Kulleraugen – ein humanoider menschenähnlicher Roboter vom Modell Pepper. Auf der Brust von Bernie ist ein Tablet befestigt, worauf die Bewohner mit ihm hin und wieder eine Partie Mühle spielen. 

„Bernie, wir wollen ein Lied singen!“, ruft Herr Wagner.
Bernie braust an den Tisch.
„Guten Tag Herr Wagner. Welches Lied möchten Sie singen?“
„ Kannst Du uns ‚Kommt ein Vogel geflogen‘ vorspielen“?“
„Gern, spiele ich Ihnen das Lied ‚Kommt ein Vogel geflogen‘ vor.“
Das Lied erklingt und alle am Tisch trällern mit.

Humanoider Roboter für die Pflege © iStockWetter ansagen, Mühle spielen, den Weg weisen: Das humanoide Robotermodell Pepper reagiert auf Menschen und kann eigenständig Aufgaben erfüllen.Pepper stellt und beantwortet Fragen, erkennt Gesichter und animiert zum Mitmachen. Seine Software kann individuell angepasst werden, sodass er in verschiedenen Bereichen eingesetzt werden kann: Hotelketten nutzen ihn am Empfang, auf Kreuzfahrtschiffen weist er Passagieren den Weg oder er unterhält Bewohner in Seniorenheimen. Im Projekt MARIO der Europäischen Union wurden zum ersten Mal humanoide Assistenzroboter, die auch Alltagsaufgaben erledigen können, bei sozial vereinsamten oder an Demenz erkrankten Senioren über ein Jahr lang zu Hause eingesetzt. Das Ergebnis: Die Senioren lebten in dieser Zeit autonomer und weniger isoliert. Außerdem wurden die Pflegekräfte entlastet, denn sie mussten weniger Alltagsdinge erledigen und hatten dadurch mehr Zeit für die Senioren.„.. weil ich hier bleiben muss.“ Der Tisch verstummt.
Frau Schulz: „Herr Wagner wissen Sie noch, an Ihrem Neunzigsten haben wir das Lied auch gesungen.“
Herr Wagner: „Tatsächlich? Ich weiß nur noch, dass Sie mir Donauwellen gebacken haben, drüben in der Küche. Das hat mich übrigens sehr gefreut. Man merkt schon, dass Sie mehr Zeit für uns haben als früher.“ Er horcht auf und blickt zur Tür.
„Und Herr Meyer – das weiß ich noch, der hat damals drei Stück Donauwellen auf einmal gegessen. Gell, Herr Meyer?“
Herr Meyer lässt sich auf den letzten freien Stuhl plumpsen und schmunzelt:
„Daran kann ich mich wiederum nicht erinnern.“ Dann wendet er sich an Frau Schulz.
„Lisel, ich komme gerade von Herrn Schiebel. Ich habe seinen Verband gewechselt, sieht soweit gut aus, du müsstest ihn dann morgen bitte nochmal wechseln. Aber das siehst du ja in der App.“

Häkchen setzen: Elektronische Pflegedokumentation
Blutdruck messen, Verband wechseln, Kompressionsstrümpfe anziehen, umlagern und dann als erledigt markieren. Mit elektronischer Pflegedokumentation können Pflegemaßnahmen und Patientendaten elektronisch angezeigt, aufgenommen und gespeichert werden. Intelligente Systeme erstellen zudem selbstständig Dienst- und Tourenpläne, die effizient die Pflegeaufgaben und Fahrten planen und an die Bedürfnisse der Bewohner und Pflegenden angepasst sind.

Zum einen kann die elektronische Pflegedokumentation den organisatorischen und dokumentarischen Aufwand reduzieren. Zum anderen kann sie die Qualität der Pflege und die Zusammenarbeit der Pflegenden verbessern und erleichtern. Denn die erledigten und noch offenen Pflegemaßnahmen sind für alle Beteiligten sichtbar und – im Gegensatz zur handschriftlichen Dokumentation – immer lesbar. Ein weiterer Vorteil: Dokumente können nicht vergessen oder verloren gehen.

Die Robbe zum Reden

Im hinteren Teil des Gemeinschaftsraumes sitzt Frau Zwirn. Ihre schmalen Finger fließen durch das schneeweiße Fell der Babyrobbe Paro. Hin und wieder drückt sie die Robbe fest an ihre Brust und flüstert ihr Liebkosungen ins Ohr. Frau Zwirn hat Morbus Alzheimer im fortgeschrittenen Stadium, sie spricht kaum. Nur wenn sie Paro im Arm hält, blitzt ab und an ihr früheres Ich durch.

Seniorin mit therapeutischer Robbe © Wohlfahrtswerk für Baden-WürttembergSensoren auf den Barthaaren und im Fell leiten Umweltreize an Computer im Inneren der Robbe weiter.Paro ist eine therapeutische Roboter-Robbe. Sie wackelt, fiept, klimpert mit den Augen und reagiert mithilfe von Sensoren und zwei Computern im Inneren auf Berührung, Licht, Akustik, Temperatur und Position. Laut dem japanischen Entwickler, kann Paro Angstzustände, Schmerzen und Einsamkeit verringern und die Schlafqualität verbessern. Die Robbe existiert bereits seit über zwanzig Jahren und wird in über dreißig Ländern in der Palliativbetreuung von Krebspatienten oder bei Kindern mit Autismus – vor allem aber bei demenzkranken Menschen und Senioren eingesetzt.Langsam leert sich der Gemeinschaftraum. Es kehrt Ruhe ein im Seniorenheim „Zu unseren lieben Frau“. Nur in den Gängen piepst es leise, Eva dreht gemächlich ihre Runden.

Bestandsaufnahme: Wie digital ist die deutsche Pflege?
Egal ob Ambient Assisted Living, Telecare oder Robotik: Neue technologische Lösungen sind in der Pflege bisher kaum verbreitet. Bei Demenzerkrankungen hingegen werden Ambient-Assisted-Living-Systeme, die den Alltag unterstützen können, häufiger verwendet. Roboter sind zwar bereits seit einigen Jahren auf dem Markt, allerdings werden sie in der Pflege vor allem im Rahmen von Modellprojekten und Studien eingesetzt. Die Robbe Paro beispielsweile nutzen in Deutschland derzeit etwa vierzig Pflegeeinrichtungen. Im Gegensatz dazu steht die elektronische Pflegedokumentation. Eine Befragung der Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege ergab, dass über 70 Prozent der befragten Einrichtungen eine elektronische Pflegedokumentation nutzen.

Kritikpunkte und offene Fragen

Entwickler und Befürworter einer digitalisierten Pflege betonen, dass die Technik den Menschen nicht ersetzen kann, sondern die Pflegenden unterstützen und entlasten soll, sodass mehr Zeit für die eigentliche Betreuung der Pflegebedürftigen bleibt. Weiterere Kritikpunkt sind neben dem Datenschutz, dass insbesondere robotische Systeme häufig noch nicht ausgereift sind, ihr Nutzennachweis noch aussteht und ethische Frage nicht geklärt sind.
Autoren und Quellen

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